3. Juli – 3. Sept.

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WINK WITHOLT

SECHS SCHÖNE ECKEN

 

 

 

 

Andria, Baucis, Chloe, Diomira, Eusapia und Fedora sind Namen aus dem Roman „Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino. Das Buch besteht aus 55 Miniaturen – fragmentarischen Kürzestgeschichten in der Form von Prosagedichten. Es handelt sich dabei um 55 Portraits fiktiver Städte, die alle Frauennamen tragen. Jede Stadt steht für eine bestimmte gesellschaftliche oder allgemein menschliche Situation. „Sechs schöne Ecken“ sind architektonische Fragmente, die aus der Unsichtbarkeit hervor treten. Preis je CHF 1250.–

 

Für seine Arbeiten wählt Wink Witholt Motive und Titel mit hohem symbolischem Gehalt. Sie lösen bei der Betrachtung einen Strom von Assoziationen aus. In welche Richtung sich die eigenen Gedanken auch entwickeln, eines ist sicher: eine Portion Humor ist essentiell. Die Neigung zu einer dunklen Ironie, das Vergnügen am Absurden und die Lust an der Täuschung bilden in Witholts Werken den Konnex.

Aktueller Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit der Materialisierung von Dingen, welche an sich in ihrer Erscheinungsweise nicht skulptural fassbar sind. Flüchtige Substanzen, Situationen oder Bewegungen werden in feste Materialien transponiert. Abstraktion, Zufall und eigensinniges Materialverhalten sollen dabei erkennbar bleiben und gleichzeitig Assoziationsraum und Analogie bilden.

Für die Kunstkästen in Schaffhausen sind sechs Reliefs produziert worden, welche sich an die architektonische Materialität annähern. Zeitgenössische Materialen wie Glas, Beton, Stahl und Stein werden in skulpturale Reliefs umgesetzt, wobei die Liebe fürs Detail sowie handwerkliche Aspekte klar werden.

WINK WITHOLD

Wink Witholt, geboren 1976 in Leiden (NL), lebt und arbeitet als Künstler in Zürich. 
Nach seiner Matura hat eine vierjährige Ausbildung als Graveur gemacht. 
Seine Kunstausbildung hat er an der Willem de Kooning Academie in Rotterdam und an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK/Master Fine Arts), absolviert. Er wurde  zweimal mit dem Zürcher Werkpreis ausgezeichnet (2013 & 2015) und erhielt Atelierstipendien,  u.a. in Nairs/Engadin  (2008). 
Wink Witholt zeigt seine Werke regelmässig in Ausstellungen im In- und Ausland.

SCHEINBAR UNSCHEINBAR

Wink Witholt rückt Figur, Form und Material ins Zentrum seiner Arbeit. Seine Kleinplastiken wirken auf den ersten Blick unscheinbar, eine Minute später offenbaren sie jedoch eine überraschende doppeldeutige Poesie. Ein Gespräch über Dimensionen, Pinguine und Regenwürmer. Ein afrikanischer Esel wird bis zu eins vierzig gross. Ein Pferd eins vierzig bis eins zwanzig. Ein Regenwurm misst in der Länge rund neun bis dreissig Zentimeter. Ein Kompostwurm wird maximal dreizehn Zentimeter lang. Ein Maulwurf ist etwas grösser als ein Kompostwurm. Er wird zehn bis siebzehn Zentimeter gross. Gleich lang wie ein Regenwurm wird ein ausgewachsener Zwergpinguin. Ein Kaiserpinguin hingegen kann bis zu einem Meter heranwachsen. Je kälter die Umgebung, desto grösser und schwerer werden die Vögel, heisst es.

Werkstattgespräch mit Wink Witholt, Zürich, 14. Juni 2016

Aufgezeichnet von Claudia Härdi

Das Spiel mit Artefakt und Fakt

Mit afrikanischen Eseln, Regenwürmern und Pinguinen Vergleiche anzustellen, mag etwas absurd klingen. Für den Künstler Wink Witholt sind solche Gedanken bildnerischer Alltag. Witholts doppeldeutiger Bronzepinguin beispielsweise hat einen eigenen fiktiven Wuchs. Zudem steht er auf einem Maulwurf. Es ist ein Mischwesen aus einem Pinguin und einem Maulwurf. Zumindest könnte man die Kleinplastik so interpretieren. Tiere oder Gegenstände naturgetreu nachzubilden reizt den Künstler nicht, wie er sagt. Vielmehr liebt er es, mit Formen, Dimensionen und Gewicht zu experimentieren. Es sind alte Fragestellungen der Bildhauerkunst, die ihn interessieren. Es geht um das Verhältnis von Gegenstand zur Skulptur, erklärt er. Anders ausgedrückt geht es um die der Skulptur innewohnende Herausforderung, den Artefakt von Fakt zu unterscheiden. Der spielerische Umgang mit Dimensionen, aber auch das Experiment mit Materialien, zieht sich jedenfalls wie ein roter Faden durch Witholts Werk.

Eine Welt ohne Details wäre armselig

Die Tierkopfserie, eine neuere Arbeit des niederländischen Künstlers, der seit geraumer Zeit in Zürich lebt und arbeitet, ist ein weiteres Beispiel dafür. Gerade mal Faustgross sind die Tierköpfe, die auf den ersten Blick an antike figurative Türknaufe erinnern. „Rudolf“ nennt er den Schweinekopf mit Fisch im Maul, der von Witholts Atelierwand auf den Betrachter hinunterschaut. Esel „Georg“ mit Regenwurm im Maul und Pferd „Rodino“, ebenfalls mit Wurm im Maul, bewahrt der Künstler in einer kleinen Kartonschachtel auf. Einmal ausgepackt, liegen die kleinen Köpfe schwer auf der Hand. Überraschend entpuppen sie sich als einfache Knetfiguren mit deutlich sichtbaren Fingerspuren – weitab von der suggerierten handwerklichen Perfektion. «Es sind die Details, die mir wichtig sind», sagt Witholt. „Strukturen von Oberflächen, kleine Details. Die Welt wäre so viel ärmer ohne sie“.

 

Der Schein kann trügerisch sein

Kleine Dinge und Details gibt es auch in Witholts Atelier zu entdecken. So zum Beispiel Steinabgüsse in Giesskeramik. Es sind hohle Keramikobjekte, die lediglich aussehen wie Steine. Wunderliche Objekte, die ihr Gewicht verloren haben und damit die Realität fast unmerklich verschieben. Was solide aussieht, ist in Witholts Bildwelt federleicht und zerbrechlich. In Giesskeramik habe er sogar einmal seinen Bart abgegossen, erzählt er weiter. Für die Kunstkästen in Schaffhausen wird er aus alltäglichen Baumaterialien Gipsabgüsse herstellen, die er dann als architektonische Objekte ausstellen will. Es sind Reliefs, die das grossräumige architektonische Bild mit dem kleinräumigen skulpturalen Objekt verbinden. Ein Thema, an das er sich zurzeit auch mit kleineren architektonischen Modellen und Kleinplastiken herantastet.

Organische Gebilde, für die es keine Worte gibt

Gleichzeitig beschäftigt ihn die Frage, wie er flüchtige Stoffe, wie Wasser, Luft und Feuer abgiessen könnte. In einem weiteren Atelierraum liegt eine graue Acrylgipsstele auf dem Tisch. Ein organisches, schmales Gebilde, das mit Worten nicht zu umschreiben ist. Es ist ein erster Versuch, die Form von Wasser mit einem Abguss festzuhalten, erzählt er, während er die Gussform öffnet. Zum Vorschein kommt ein gleichsam überraschendes und faszinierendes gummiges Gebilde. Eine Skulptur, die ein seltsames Eigenleben ausstrahlt. Wer weiss, vielleicht werden auch diese Objekte in kälteren Umgebungen grösser und schwerer. Einmal in Wink Witholts Bildwelt eingetaucht, könnte man sich das durchaus vorstellen.

VERNISSAGE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Bilder: Rudolf Wäckerlin

PRESSE

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