8. Jan. – 19. März

KASTEN 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6

 

MARKUS WETZEL

MODELLE FÜR DIE STADT SCHAFFHAUSEN

Die Kunstkästen im Schaffhauser Stadtraum sind städtisches „Mobiliar“ und Skulpturen im öffentlichen Raum zugleich. Sie sind in der aktuellen Bespielung Behälter mit künstlerisch-architektonischen Inhalten, thematisieren den Stadtraum und können Passanten und Passantinnen in ihrer direkten Präsenz ansprechen.

Mich interessieren die verschiedenen Aspekte dieser Skulpturen im öffentlichen Raum sehr. Wo stehen sie? Wie sind sie gestaltet? Wie kann man sie bespielen und benutzen? Meine Arbeit ist kein Vehikel, das eine bestimmte Idee oder Verbesserungsvorschläge transportiert, sondern bietet eine Befragung der Möglichkeitenund Gegebenheiten.

Mein Projekt ‚Modelle für die Stadt Schaffhausen’ präsentiert in jedem der sechs Kunstkästen ein Modell oder eine modellhafte Situation. Sie stellen einen möglichen Umgang mit dem jeweiligen Kasten und dem jeweiligen Ort dar. Ein spezielles Augenmerk richtet das Projekt auf soziale Aspekte des öffentlichen Stadtraums und dessen Verfügbarkeit. Wer darf den städtischen Raum mitgestalten und mitdiskutieren? Wer sind die Experten für einen belebten Stadtraum?

Das Projekt sieht den zivilen Ungehorsam nicht als etwas Zerstörerisches sondern bietet ihn als positive Bewegung zum bedenken an – die Modelle sind Bedenk-Modelle und können auch als Antworten gesehen werden auf die Fragen, die man Künstler, Städtebauer, Passanten und Bewohner stellen sollte?

MARKUS WETZEL

Markus Wetzel (*1963 in Schaffhausen) lebt und arbeitet als Künstler in Berlin und Zürich. Nach einer Hochbauzeichnerlehre studierte er freie Kunst an der Zürcher Hochschule für Kunst und Theorie. Wetzel arbeitete mittels verschiedener Atelierstipendien zeitweise in New York, Paris, Japan und Berlin. Darüber hinaus wurde er mit dem Manor Kunstpreis ausgezeichnet. Er erhielt Werkbeiträge der Stadt Zürich, von Stadt und Kanton Schaffhausen und den Preis für Kunst der Eidgenossenschaft. Wetzel zeigt seine Werke in Ausstellungen im In- und Ausland und realisiert regelmässig Kunst-am-Bau-Projekte. 

http://www.markus-wetzel.info

Eine modellhafte Welt

Der Ort mit seiner Geschichte und besonderen Merkmalen hat eine grosse Bedeutung für den Künstler Markus Wetzel. In seinen Arbeiten zeichnet er diese Geschichten nach, verformt sie, zerlegt die Fakten und setzt sie neu zusammen. Dadurch ermöglicht er andere Lesearten und Gewichtungen der sogenannten Wirklichkeit.

Werkstattgespräch mit Markus Wetzel, Schaffhausen/Berlin, 8. Dezember 2016, aufgezeichnet von Claudia Härdi
Die Glasscheibe der Kunstvitrine beim Bahnhof ist zerschlagen. Vandalismus? Oder gar ein Einbruch? Die Polizei tappt im Dunkeln. Von der Täterschaft keine Spur. Klar ist hingegen, was bei einer weiteren Kunstvitrine an der Vordergasse in der Stadt Schaffhausen geschehen ist. Dort hat ein Obdachloser kurzerhand eine der Vitrinen gekapert und eine primitive Plastikhütte drum herum gebaut. Der Grund: Er braucht den Strom für seine Leselampe und seinen Wärmestrahler. An der Goldsteinstrasse hat sich ein Architekt von der Vitrinenform zu einem Hausbau inspirieren lassen. Die schlichte Form der Vitrine hat er übernommen und zu einem modernen Wohnhaus für Sozialhilfeempfänger aufgeblasen.

Modellhafte Wirklichkeit der Stadt
Es sind sechs modellhafte, ortsbezogene Wirklichkeiten, die der Schaffhauser Künstler Markus Wetzel mit Hilfe von verschieden massstäblichen Modellen in die sechs Kunstkästen platziert hat. „Es ist ein Gedankenspiel. Eine Fragestellung. Wer zum Beispiel den öffentlichen Raum der Stadt mitgestalten darf“, sagt er. Ein Gedankenspiel das gleichzeitig auch die kleinräumigen Kunstvitrinen thematisiert, in denen der Künstler den jeweiligen Ort, seine Geschichte, sein Aussehen, seine Wirkung, sein Potential und alles was damit im Zusammenhang steht oder stehen kann, abgebildet hat und befragt. Die Grundfigur ist einfach: Modelle stehen für etwas anderes. Sie repräsentieren etwas Bestimmtes in der Welt. Sie dienen dazu, dass der Betrachter der Modelle etwas über die möglichen Eigenschaften und Merkmale der abgebildeten Sache lernt. Zudem lassen sich Modelle problemlos weiterdenken, und sie haben einen Wahrheitsanspruch. Wie in der Wissenschaft, haben auch die Szenen oder Modelle, die der Künstler in den Vitrinen zeigt, diesen Anspruch. Sie sind niemals nur nette Miniaturen, sondern haben immer einen Bezug zum sozialen und realen Ort und ein wahres Interesse an diesem.

Der Genius loci einer U-Bahnstation
Der Ort mit seiner Geschichte und besonderen Merkmalen hat eine grosse Bedeutung in Wetzels Arbeiten. Exemplarisch dafür ist beispielsweise eine Serie fiktiver Eingänge zu U-Bahnstationen, die der Künstler unter anderem in Deutschland in Berlin bei einem Tankhaus auf dem Teufelsberg und in Böblingen im Stadtparksee gebaut hat. Dies mit einfachen Mitteln. Der Ort, den Wetzel für sein Berliner U-Bahnprojekt ausgesucht hat, diente ursprünglich als Tarnung für einen Notausgang einer geplanten U-Bahnstation aus der Nazizeit, die unter dem Teufelsberg geplant und womöglich teils auch gebaut wurde. Pläne, Archivdokumente, Fotos und historische Artefakte wie auch geotechnische Daten flossen in das Kunstprojekt ein und untermauerten dessen Geschichte und vermeintlich wissenschaftliche Plausibilität. Auch in dieser Arbeit vermischen sich historische, teilweise manipulierte Versatzstücke mit fiktiven Elementen zu einer anderen Geschichte. Weitere U-Bahnstationseingänge realisierte Wetzel in Akiyoshidai, Japan, und in Gwangju, Süd Korea sowie in Bern.

Ein Ort ist eine Ansammlung von Geschichten
Die Vorliebe zum ortsbezogenen Arbeiten zeigt sich auch in den vielen Kunst-am-Bau-Werken, die der Künstler oft auch in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern oder mit Architekturbüros im In- und Ausland vorgeschlagen und realisiert hat. So zum Beispiel hat Wetzel für die neue Wohn-Siedlung Toblerstrasse, ein Neubauprojekt der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich, vergessene Geschichten ausgegraben. Wetzel ist bei seinen Ortsrecherchen auf die Geschichte eines Findlings gestossen, der beim Rückzug des Rhein-Linth-Gletschers auf dem Areal liegengeblieben sein muss. Diesen Stein, der heute unauffindbar ist, wollte er ersetzen. Darüber hinaus sah Wetzel vor, das Leben und Wirken der Maria Egg-Benes zu würdigen. Maria Egg-Benes hat in den 40-er Jahren in der alten Siedlung an der Toblerstrasse behinderte Kinder unterrichtet und später die Heilpädagogische Schule Zürich gegründet. Es ist eine weitere ortsbezogene Geschichte, die Wetzel bei seinen Recherchen entdeckt hat. Ziel seiner Arbeit war es, mit künstlerischen Interventionen die Geschichte des Ortes in Erinnerung zu rufen. Ähnlich sah sein Vorschlag für ein Neubauprojekt im Zürcher Seefeld aus. Dort schlug der Künstler vor, einige der Abbruchobjekte, wie beispielsweise einen Auto-Verkaufspavillon, einen alten Pingpong-Tisch oder zwei alte Buchenhecken in einem neuen räumlichen Ensemble auf dem Areal zu platzieren. «Zusammengestellt wie auf einem Werkhof, wo die verschiedenen Geräte und Materialien gelagert werden und für die Bewohner benutzbar», erklärt Wetzel. Auch hier plante der Künstler eine Verbindung zwischen dem Alten Ort und dem Neuen, zwischen den ehemaligen und den heutigen Bewohnern zu schaffen.

 

VERNISSAGE

Alle Bilder: Rudolf Wäckerlin

 

PRESSE

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2017 – 1