8. Okt. – 26. Dez.

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DANIEL SCHUOLER

NAHELIEGENDE VERMUTUNGEN

Daniel Schuoler (*1965 Zürich) lebt und arbeitet als Künstler in Zürich.

Nach mehreren Jahren in unterschiedlichen handwerklichen Berufen tätig, studierte er an der Zürcher Hochschule der Künste Vermittlung von Gestaltung und Kunst.

Er unterrichtete u.a. für längere Zeit in der Vertiefung Szenografie der Zürcher Hochschule der Künste und an verschiedenen gestalterischen Vorkursen. Seit einem Jahr unterrichtet er an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen Bildnerisches und Technisches Gestalten.

Daniel Schuoler stellt seine Arbeiten regelmässig aus.

Vom Eigensinn der Dinge und vom eigenen Sinnen

Daniel Schuoler arbeitet gerne mit Modellen. Seine fragilen und gleichzeitig kraftvollen Gebilde erinnern an Bekanntes aus dem Alltag und erzählen trotzdem unerwartete Geschichten. So verortet der Zürcher Künstler seine Arbeit denn auch weniger in der Welt der Dinge als in der Welt der Kommunikation.

 

Leichtfüssig und unaufdringlich stehen sie im Raum, die feinen Inszenierungen des Zürcher Künstlers Daniel Schuoler. Wenige Elemente, ein präzise gebogener Draht, ein Stück grob geformter Ton, eine farbige Platte, ergeben ein stimmiges Spiel. Je nach Perspektive der BetrachterInnen beansprucht ein anderes Element für sich, Zentrum des Werkes zu sein, und stellt von Neuem die Frage nach dem Verhältnis von Form und Raum. Dabei befinden sich die einzelnen Materialien in einem ständigen Dialog, sind gewissermassen Komplizen. Einmal glaubt man zu sehen, wie der Stein den Draht stützt, einmal schubst er ihn. Die Werke scheinen von diesen angedeuteten Bewegungen – der Möglichkeit einer Bewegung – zu leben. Spürbar ist diese Spannung besonders, wenn sich mehrere der Werke nebeneinander befinden. Entwickeln die Figuren etwa einen eigenen Willen, miteinander zu interagieren? Plötzlich erinnern sie an magische Wesen, die zum Leben erweckt werden, und man glaubt, beim genauen Hinhören ein feines Surren wahrzunehmen. Die Figuren üben eine Anziehungskraft auf die BetrachterInnen aus, der man sich trotz – oder gerade wegen – der Subtilität der Werke nicht entziehen kann.

 

Die Form erzählt Geschichten

Das ist durchaus Absicht. Schuoler, der sich in Zürich-Altstetten ein Atelier mit drei anderen KünstlerInnen teilt, arbeitet mit bildhauerischen Mitteln. Dabei eignet sich das Modell als Herangehensweise. Er interessiert sich für die Form, die übrigbleibt, wenn die Funktion wegfällt. Ist ein Stuhl noch eine Sitzfläche, wenn er an einem Unort steht, wo niemand sitzen will? Und was erzählen die einsamen Marktstände, wenn alle Früchte verkauft sind und nur noch leere Kisten dastehen? Im Modell spürt Schuoler das Potenzial fürs Geschichtenerzählen. Anknüpfungspunkte für die BetrachterInnen sind die unterschiedlich abstrakten Assoziationen mit Bekanntem aus dem Alltag. Da vermutet man ein pulsierendes Herz, dort ein Bügelbrett. Aber vielleicht sind das falsche Fährten, vielleicht macht die Figur beim genaueren Hinsehen eine kunstvolle Drehung und schon ist die Geschichte, die sich im Kopf abspielt, eine völlig andere. Dabei entstehen so viele unterschiedliche Erzählungen wie es BetrachterInnen gibt. Und auch die einzelne Betrachterin wird nicht immer dieselbe Erzählung antreffen, denn der Blick auf die Welt ist abhängig vom momentanen Gemütszustand. Die Betrachtung von Schuolers Werk ist also immer auch eine Auseinandersetzung mit Identität, den eigenen gefestigten Gedanken und der Frage danach, was relativ ist. Das Werk führt die BetrachterInnen an die Grenze, wo das Kunstobjekt mit der eigenen Wahrnehmung verschmilzt. Wo sich die Welt der Dinge nicht mehr klar von der Welt der Menschen trennt.

 

Kunst als Angebot

Wie leicht Schuolers Werke wirken; die Auseinandersetzung, dieses Lenken der Wahrnehmung auf die Wahrnehmung, ist keineswegs leicht. Sie ist anspruchsvoll und erfordert Zeit. Zeit, die man sich vielleicht zu selten und zu wenig bewusst nimmt. Ab und zu begegnet Schuoler der Frage, was an seiner Kunst denn relevant sei. Er glaubt, die Frage rühre von der politischen Kunst und dem aktuellen Bedürfnis danach, dass alles eine klar erkennbare, relevante Bedeutung haben müsse. Viele Leute wollten ihre ideelle Haltung in Kunstwerken bestätigt sehen und sie nicht hinterfragen. Insofern sieht Schuoler sein Werk nicht als politisch. Es deutet an und zeigt in eine Richtung, aber eine gewisse Unschärfe bleibt. Seine Arbeiten, und das betont Schuoler immer wieder, sind ein Angebot, sich auseinanderzusetzen. Davon kann man Gebrauch machen oder auch nicht.

 

Unterbewusstes archäologisch freilegen

Das Format der Kunstkästen wird also besonders interessant sein für den Umgang mit Schuolers Werk. Der Kasten steht mitten im Alltagsgetümmel, wo die Zeit für eine Auseinandersetzung fehlen kann. Und trotzdem ist seine Zeigegeste stark: Er lenkt den Blick spezifisch auf sein Inneres und gewährt einen intimen Einblick. Schuoler hat sich allerdings noch nicht entschieden, wie sich die Interaktion zwischen Werk, Kasten und Schaffhausen genau gestalten wird. Dass er Schaffhausen nicht genauer kennt, passt: Nach seinem Besuch in der Stadt geht es wieder um die Wahrnehmung. Was bleibt gedanklich übrig von diesem Ort? Es interessiert Schuoler nicht, den Ort als Aussenstehender sofort zu verstehen. Vielmehr fasziniert ihn das Unscharfe, das Nichtgefasste. So ist er wohl auf die Idee gekommen, seine Kunstkastenwerke als Ergänzung zu archäologischen Artefakten im Museum zu Allerheiligen zu sehen. Der Künstler setzt sich nun intensiv mit der Schaffhauser Archäologie auseinander – wie bei seiner Arbeit geht es hier darum, dem Unbekannten auf die Spur zu kommen.

 

Gestalten als demokratische Mitbestimmung

Auch die Gespräche mit Schuoler sind ein feines Herantasten an Unbekanntes. Sprache ist ihm Inspiration. Das zeigt sich einerseits an den poetischen Titeln seiner Werke. Viele von ihnen, wie „unvollendete Sympathie“ oder „Versuch über den Eigensinn der Dinge“, sind alleine schon ein philosophisches Grübeln wert. Die Wichtigkeit der Sprache zeigt sich aber auch darin, dass für Schuoler im Gestalten die Kraft zum Erzählen liegt. Die Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten und mitzubestimmen. Schuoler glaubt an die Kunst. Sie kann diese Stimme sein. Das ist vielleicht gar nicht so sehr eine idealistische Vorstellung der Kunst, sondern vielmehr eben doch eine politische.

 

VERNISSAGE

Alle Bilder: URBANSURPRISE

 

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2017 – 4