7. Okt. – 26. Dez.

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ATELIER SCHEIDEGGER KELLER

MIT DEN AUGEN DES KUNSTKASTENS

Christian Scheidegger studierte von 1998 bis 2004 Architektur an der ETH Zürich. 2004 wurde er für die Diplomarbeit «Kongresszentrum Leuk» mit der ETH Medaille und 2002 für den «Büroturm auf dem Jelmoli-Parkhaus» in Zürich-City mit dem Stahlbaupreis ausgezeichnet. Im Architekturbüro Christian Kerez leitete er das «Schulhaus Leutschenbach» von 2004 bis 2009. Anschliessend eröffnete er sein eigenes Architekturbüro in Zürich-Wipkingen. Daneben unterrichtet er an der ETH Zürich als Dozent Architektur und Entwurf.


Jürg Keller hat von 1997 bis 2004 Architektur an der ETH Zürich studiert. 2010 hat er sein eigenes Büro eröffnet, nachdem er 2004 bis 2006 im Büro von Christian Kerez das Projekt für das «Haus mit einer Wand» in Zürich-Witikon und 2006 bis 2009 im Büro Schneider Studer Primas die Wohnüberbauung Grünwald «Ringling» in Zürich-Höngg geleitet hat. Von 2009 bis 2016 unterrichtete er Architektur und Entwurf an der ETH Zürich.
 

Atelier Scheidegger Keller wurde 2012 gegründet. Zu den wichtigsten Projekten zählen das Haus mit zwei Stützen in Wilen 2009 – 14, das Haus am Hang in Gordola 2011 – 17 und die Mehrfamilienhäuser an der Zwyssigstrasse in Bern 2011 – 18. Das Atelier Scheidegger Keller wurde für ihre Projekte mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Bauweltpreis 2015 und mit dem Betonpreis 2017.

http://www.scheideggerkeller.ch/

 

Gespräch mit Scheidegger Keller, Zürich, Mitte September 2018

Aufgezeichnet von Isabelle Lüthi

Alle Bilder: Scheidegger Keller, Swiss-Art-Awards-2013

 

ALLTAGSRÄUME

Technik: Lochkamera

Lochdurchmesser: 1.2mm

Bildweiten: 160-425mm

Belichtungszeiten: 3.0-92.0h

Fotopapier Negativ: Ilford MGIV

Multigrade, Glossy, 610 x 508mm

Fotopapier Positiv: Ilford MGIV

Multigrade, Pearl, 610 x 508mm

 

 

Mit den Augen des Kunstkastens

Die Architekten Christian Scheidegger und Jürg Keller versetzen sich in den Kunstkasten hinein. Sie montieren selbstgebaute Lochkameras an die Kunstkästen und fotografieren so deren Umgebung. Daraus entstehen fantastische Bilder von Schaffhausen, die eine ganz neue Stadt zum Leben erwecken.

 

Ein Hochhaus mitten in der Schaffhauser Altstadt? Eine zweite Vordergasse? Wilde Wirbel mitten im Rhein? Sind wir hier wirklich in Schaffhausen? Die Räume auf den Fotografien wirken bekannt, irgendwie. Und irgendwie überhaupt nicht. Verwirrt sucht das Auge in diesen Bildern Anhaltspunkte. Zuerst wirken die Sonnenstrahlen wie Nebel, die Schatten wie Wellen und ein banales Geländer wird zu einem Wirbel, der einen einsaugt. Doch allmählich entdeckt die Betrachterin da und dort Bekanntes: eine Turmspitze, ein Fensterbogen, den Bootsanlegeplatz...  

 

Denn eigentlich sehen wir auf den Lochkamera-Aufnahmen von den Architekten Christian Scheidegger und Jürg Keller eine Stadt, die wir nur zu gut kennen, durch die wir täglich gehen. Vielleicht aber bewegen wir uns so selbstverständlich in ihr, dass wir manchmal vergessen, mal nach rechts zu schauen statt immer nur nach links. Damit spielen Scheidegger und Keller: „Es ist alles eine Frage der Perspektive.“ Wer die Sichtweise verändert, kann völlig Neues schaffen. An einem Ort, an dem eigentlich alles gegeben ist.

 

Das WC als Dunkelkammer

Und so versetzen wir uns in der aktuellen Staffel für einmal in den Kunstkasten hinein: Dank Scheidegger und Keller steht nicht der Kunstkasten im Zentrum, sondern das, was der Kunstkasten selbst sieht. Sie erstellen Fotos von der Perspektive des Kastens aus.

Dazu haben sie sechs schwarz ausstaffierte Boxen, die Lochkameras, in der Grösse der Kunstkästen gebaut. Jede Box ist versehen mit neun zufällig angeordneten Objektiven: feine Aluplatten mit einem stecknadelgrossen Loch, durch welches das Licht ins Innere der Kamera dringt und auf dem darin montierten Fotopapier ein Abbild der Umwelt hinterlässt. Die ersten Versuche mit den Kameras führten Scheidegger und Keller in ihrem Zürcher Architekturatelier durch – die Toilette wurde kurzerhand zur Dunkelkammer umfunktioniert, in der Küche hängen die Fotos an einer Wäscheleine.  

 

 

Neue Perspektiven aufs Bekannte

Schon 2013 arbeiteten Scheidegger und Keller mit Lochkameras, damals für den Swiss Art Award. Auch da gingen sie der Frage nach, wie Gegebenes so abgebildet werden kann, dass daraus völlig Neues erwächst. In „Alltagsräume“ fotografierten sie das Innenleben von Alltäglichem wie etwa einem Gummistiefel. Die Aufnahmen aus dem Innenraum der Gegenstände liessen Räume entstehen, die keineswegs an Gummistiefel erinnern, sondern vielmehr an sakrale Orte riesiger Dimensionen.

 

Für die Aufnahmen in Schaffhausen nun passten Scheidegger und Keller ihre Lochkameras in die Kunstkästen ein. Danach öffneten sie die Objektive für drei bis gar 25 Minuten, je nach Lichtverhältnissen. Am Tag der Aufnahme hatten die beiden Glück, das Wetter war konstant sonnig und ermöglichte so erfolgreiche Aufnahmen gleich beim ersten Versuch. Nach dem Verarbeiten des Fotopapiers werden die Bilder eingescannt und auf Aluplatten gedruckt, welche schlussendlich im Kunstkasten hängen.

„Ich schätze diese Arbeitsweise sehr, weil man eben nach kurzer Zeit etwas Konkretes in der Hand hat.“, sagt Keller mit einem augenzwinkernden Verweis auf Architekturprojekte, die sich bisweilen über Jahre dahinziehen und auch mal von Sitzungsprotokollen geprägt sind. Es ist schön zu beobachten, wie Scheidegger und Keller Freude haben an ihrer Arbeit und sich von ihr überraschen lassen. Denn sie selbst konnten selbst nicht abschätzen, wie gut ihr Experiment gelingt. Und welche neuen, schönen Momente ihre Idee kreieren würde.

 

Wie viel Wahrheit steckt im Foto?

In der Tat entstanden mit dieser im Grunde simplen Aufnahmetechnik faszinierende und fantastische Schwarz-Weiss-Bilder. Entscheidend ist dabei, dass die Lochkamera nicht nur mit einem Objektiv ausgestattet ist, sondern gleich mit mehreren. Jedes Objektiv gibt die Umgebung von einer leicht anderen Perspektive wieder. Diese Wiederholungen bringen unglaublich viel Bewegung in ein eigentlich statisches Konzept. So wirken die Wiederholungen vom Erker wie eine Hochhausfassade. Bei den Aufnahmen vom Rhein meint man fast, die Weiten des Meeres zu sehen, da und dort eine Welle zu erkennen. Und nach längerem Hinsehen macht man sogar menschliche Gesichter in den Schattenwelten aus. Es entsteht ein vielschichtiges Mosaik von Eindrücken, die zusammen nicht nur eine neue Situation, sondern eine ganz neue Stadt zum Leben erwecken.

 

Genau daraus entstehen spannende Fragen nach dem Wahrheitsgehalt von Fotografien: Die Lochkamera gibt ihre Umgebung direkt wieder, das Bild ist eine Kopie der Realität, die Fotografen können in diesen Prozess nicht eingreifen. Und trotzdem sieht die Realität so anders aus.

Ist also wirklich alles nur eine Frage der Perspektive?

VERNISSAGE

Alle Bilder: Martin Ulmer

PRESSE

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2018 - 4